Lottie Knutson: „WER HAT SCHON EIN WIRKLICH AUSGEWOGENES LEBEN?“

Sie wurde aufgrund Ihres Umgangs mit der Tsunami-Krise im Dezember 2004 zur Nationalheldin ernannt, obwohl Sie gar nicht auf der Suche nach Ruhm war. Lottie Knutson schildert uns Ihre Sicht auf Führungsverhalten in einem immer anspruchsvolleren Arbeitsleben. Treffen Sie Vorstandsmitglied Lottie Knutson, die sich in ihrem Landhaus auf dem Archipel am wohlsten fühlt und sich durch eine schonungslose Ehrlichkeit auszeichnet – sei es bei Komplimenten oder bei Anmerkungen.

Buchen Sie Ihr Meeting

Ungültige Personenanzahl
Details
Ansprechpartner wird benötigt
E-Mail wird benötigt Ungültige E-Mail
Telefon wird benötigt Ungültige Telefonnummer
Ungültige Anfrage

Wir werden Ihre persönlichen Daten auf rechtmäßige Weise gemäß aktueller Datenschutzrichtlinien behandeln

Lottie Knutson, zu dieser Zeit Kommunikationsleiterin von Fritidsresor, war eine der Ersten, die sich der Ernsthaftigkeit des Tsunamis bewusst war, der Indonesien und Thailand am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 erschütterte. Über Nacht wurde sie plötzlich als Nationalheldin gefeiert und sogar als zukünftige Außenministerin vorgeschlagen. Sie fühlte sich mit ihrem neu erlangten Ruhm jedoch überhaupt nicht wohl.

„Schon bald wird die Flutwelle eintreffen“

„Ich bin immer auf das Schlimmste gefasst. Also lief ich mit dem Gedanken umher, dass die Flutwelle schon bald eintreffen würde. Wie jeder andere bin auch ich nicht perfekt, und die Art und Weise, wie ich plötzlich dargestellt wurde, fühlte sich merkwürdig und nicht real an. Es gibt zwei Lektionen, die uns die meisten Krisen lehren: Es ist notwendig, schnelle Entscheidungen zu treffen, aber schwierig, dies zu tun. Ich war vom Tsunami tief betroffen. Ich fragte mich, was wichtig ist und was nicht, und was wirklich meine Werte sind“, sagt sie.

Notwendigkeit eines abwechslungsreicheren Lebens

Nach mehr als 15 Jahren bei Fritidsresor entschied Lottie, ihre Stelle als Kommunikationsleiterin des Unternehmens im Jahr 2014 aufzugeben. Zu dieser Zeit hatte sie sich bereits mehrere Monate beurlauben lassen, um ihr Buch „Nödrop – När krisen kommer“ (Hilferuf – Als die Krise kam) zu schreiben. Das Buch behandelt Themen wie die Bemühungen im Hintergrund der Tsunami-Katastrophe sowie andere Krisen wie beispielsweise den Arbeitsplatzabbau. Während sie auf einem Flug nach Indien an ihrem Buch arbeitete, streikte ihr Körper plötzlich. Sie begann, sich in dem Flugzeug unwohl zu fühlen, hyperventilierte und spürte ihre Hände und Füße nicht mehr.
„Es hatte schon fast etwas Ironisches, dass es passierte, als ich gerade anfing, an einem Buch über den Umgang mit Krisen zu arbeiten. Ich fühlte mich, als hätte ich viel von dem verloren, dass mich zu der Person gemacht hatte, die ich bin. Die Entscheidung Fritidsresor zu verlassen war getroffen. Ich wollte etwas Neues ausprobieren und ein abwechslungsreicheres Leben führen“, sagt sie.

Reisendes Vorstandsmitglied

Mittlerweile ist sie als Vorstandsmitglied für H&M, Stena Line und Scandic Hotels tätig und häufig auf Reisen, um über die Themen ihres Buches zu sprechen. An diesem Tag besucht Sie das Grand Hôtel in Stockholm, um vor 700 Personen, unter ihnen der frühere schwedische Finanzminister Anders Borg, zu sprechen.
„Ich bin etwas angespannt, werde aber nicht nervös. Mir geht es vor allem darum, keinen der Anwesenden zu enttäuschen, da die Leute hier sind, um mir zuzuhören und dafür sogar teilweise Geld bezahlt haben“, merkt sie an.

Aufrichtige Komplimente oder Anmerkungen

Lottie ist fasziniert von traditionellen Familienunternehmen, insbesondere davon, wie diese mal eben Pläne für die nächsten 30 Jahre schmieden. Außerdem hat sie ein großes Interesse für das Thema Kundenverhalten. Daher ist es sicherlich kein Zufall, dass sie verschiedene Vorstandspositionen bekleidet. Lottie ist diejenige im Vorstandszimmer, die es nicht immer schafft, still zu sein, wie sie selbst scherzhaft bemerkt. Sie ist diejenige, die stets offen ihre Meinung kundtut, jedoch auch diejenige, die sich durch echtes Engagement und Interesse auszeichnet.
„Ich bin überaus offen und ehrlich. Jedoch kann zu viel Offenheit auch als Kritik wahrgenommen werden und dazu führen, dass andere Menschen sich in die Defensive gedrängt fühlen. Das ist wiederum unvorteilhaft, weil sie dann aufhören zuzuhören. Es ist wichtig, immer genug Zeit einzuräumen, um die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man sollte jeder Persönlichkeit Gehör schenken. Ich mache aufrichtige Komplimente und Anmerkungen, so können sich meine Gesprächspartner wenigstens auf das verlassen, was ich sage. Ich veranschauliche gerne, was ich sage und wer ich bin. Ich bevorzuge, langfristig zu denken und bin ehrlich“, sagt Lottie.

Es ist in Ordnung, nicht mit Kollegen befreundet zu sein

Im selben Atemzug bemerkt sie, dass sie den Begriff „Arbeitskollege“ befremdlich findet. Lottie will nicht mit jedem auf der Arbeit befreundet sein und ist der Meinung, dass dies auch völlig in Ordnung ist.
„Wir sind nicht hier, um persönlich miteinander befreundet zu sein und uns gegenseitig zu mögen. Wir sind hier, um unsere Arbeit zu erledigen, was oft in Vergessenheit gerät, wenn die Dinge chaotisch werden. Fakt ist, dass Arbeitsgruppen mit einer objektiveren Herangehensweise besser mit Schwierigkeiten umgehen können als Gruppen, die sich auf persönliche Beziehungen konzentrieren. In diesem Zusammenhang können auch missbräuchlich verwendete Mitarbeiterbefragungen riskant sein, denn Führungsarbeit ist kein Beliebtheitswettbewerb. Manchmal müssen eben schwierige Entscheidungen gefällt werden. Wenn man viele Menschen bei der Arbeit mag, ist das ein Bonus“, meint Lottie. Lotties Karriere war bisher sehr intensiv und dreht sich im Großen und Ganzen um Auswählen und Verwerfen.
„Wer hat schon ein wirklich ausgewogenes Leben? Ich habe mich dafür entschieden, viel zu arbeiten und abgesehen davon die Familie in den Vordergrund gestellt. Ich hatte nie viel Zeit, um in Restaurants zu gehen. Wenn Freunde mich sehen wollen, treffen wir uns meistens zum Grillen in unserem Landhaus auf dem Archipel. Einladungen zu ausschweifenden Abendessen an einem Freitagabend, an dem wir alle schon erschöpft sind, sind in unserer Familie tabu“, so Lottie.

Krisen erfordern die richtige Vorbereitung

Lottie war vor und nach dem Tsunami im Krisenmanagement tätig und dabei sowohl in intensive Notsituationen als auch weniger intensive aber langfristigere Krisen involviert, was ebenso schwierig sein kann. Laut Lottie ist die richtige Vorbereitung die Grundlage zum Umgang mit einer Krise.
„Damit ist nicht zwangsläufig gemeint, sich auf große Probleme wie einen möglichen Ausfall aller Server vorzubereiten, es kann auch einfach nur darum gehen, sich auf ein schwieriges Gespräch wie die Entlassung eines Teammitglieds vorzubereiten. Bei Fritidsresor habe ich mich beispielsweise regelmäßig selbst zur Verfügung gestellt, damit meine Kollegen aus der Personalabteilung solche Gespräche mit mir üben konnten. Der wichtigste Teil von vorbereitenden Praxisübungen besteht darin, die eigenen Reaktionen und die der Kollegen einschätzen zu können. Praxisübungen sollten in Teams durchgeführt werden, denn jeder reagiert anders, weshalb verschiedene Übungsarten notwendig sind“, sagt sie.

Sogar Soldaten im Krieg machen Pause

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Umgangs mit einer Krise besteht darin, auch einmal eine Pause einzulegen. Inspiration schöpft sie dabei vor allem aus „uniformierten Berufen“ wie etwa Krankenpflegern, Krankenwagenfahrern und Soldaten, die ihre Uniform ablegen, sobald sie ihren Arbeitsplatz verlassen.
„Diese haben gar keine andere Wahl als abzuschalten. Es ist sogar unerlässlich, um sich seine Energie einzuteilen. Wir müssen nicht nur aufeinander sondern auch auf uns selbst achten. Sobald ich von der Arbeit nach Hause komme, ziehe ich meine Arbeitskleidung aus und etwas Bequemes an. So setze ich dem Arbeitstag ein klares Ende“, sagt sie.

Die berufliche und private Identität trennen

„Es ist wichtig, zwischen seiner beruflichen und privaten Identität zu unterscheiden. Die Arbeit ist die Arbeit und nicht dasselbe, was ich tue, wenn ich nicht arbeite. Daran muss ich mich sehr oft selbst erinnern. Jeder von uns macht sich morgens auf den Weg zur Arbeit und kommt später wieder nach Hause. Wenn wir jedoch nicht zwischen unserem Arbeits- und Privatleben unterscheiden, machen wir uns verletzbar. Wir haben dann nichts mehr, auf das wir in schwierigen Zeiten zurückgreifen können, beispielsweise im Fall von Stress, Konflikten oder Entlassungen“, sagt Lottie.

Führungsverhalten in einem immer anspruchsvolleren Arbeitsleben

Zurzeit sinniert Lottie über das Thema Führungsverhalten in einem Arbeitsalltag, in dem der Druck ständig zunimmt und beinahe zu einer Konstanten geworden ist. Von uns wird erwartet, rund um die Uhr erreichbar zu sein, wobei gewollte und natürliche Pausen längst schon der Vergangenheit angehören.
„Man kann einen anstrengenden Arbeitstag bewältigen, solange auch ein Ende in Sicht ist. In einer hochintensiven Krisensituation ohne Pause oder Ende sind wir irgendwann nicht mehr in der Lage, diese zu bewältigen. Heutzutage besteht eine Tendenz dahingehend, bis spät abends oder sogar nachts auf der Arbeit zu bleiben. Spätestens dann müssen wir stärker auf uns achten und Grenzen setzen. Wie sagen doch die Flugbegleiter so schön: Man soll sich im Notfall zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen hilft. Ich bin der Meinung, dass immer mehr Führungskräfte beginnen, die Wichtigkeit von Pausen zu verstehen“, sagt sie.



Sie schreibt Artikel über Reisen

Im Laufe des vergangenen Jahres hat Lottie ihre frühere Tätigkeit als Journalistin gewissermaßen wieder aufgenommen. Nur zum Spaß verfasst Sie Artikel für ein Reisemagazin. Vor ihrer Zeit bei Fritidsresor arbeitete Lottie bei SAS, und all die Jahre in der Reisebranche sind nicht spurlos an ihr vorbeigegangen, wie sie zugibt.
„Wenn ich im Urlaub bin, schaue ich mir immer das gesamte Hotel an, denn ich möchte ein Gefühl für die Atmosphäre und den Service bekommen. Das Wichtigste in einem Hotel sind die Betten und die Kopfkissen. Ich bin ein richtiger Hotel-Freak. Meine Familie musste lernen, dies zu akzeptieren“, bemerkt sie lachend. Lotties bester Ratschlag ist, vor Reisen in einem Hotel in Flughafennähe zu übernachten, damit man vor dem Urlaub ausgeruht und gut gelaunt aufwacht und nicht völlig ausgelaugt ist, weil die ganze Familie bis vier Uhr morgens wach war.

Wiedererlangte Neugier

Lottie strahlt Zufriedenheit aus mit dem wo sie heute ist und sagt, dass sie endlich den abwechslungsreichen Alltag hat, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte. Sie hat Ihre Neugier wiedererlangt, sie liebt die digitale Entwicklung und mag es, Menschen zu treffen, die Experten in diesem Bereich sind, um sich mit ihnen zu unterhalten und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Sie hatte ebenfalls bereits die Gelegenheit, ihren persönlichen Interessen wieder nachzugehen, wobei die meisten Leser sicherlich erraten können, worum es sich dabei handelt. Richtig, das Reisen.